Adler


Es gab einmal eine Zeit, in der Adler die meistverkaufte Automarke Deutschlands war: So häufig wie man heute einem Volkswagen begegnet, traf man damals einen Adler. Nur dass es ein Ereignis war, wenn man überhaupt auf ein Auto traf, damals zu Kaisers Zeiten, kurz nach der Jahrhundertwende.

Adler baute anfangs Fahrräder und steht damit in bester Tradition – so fingen auch Rover , Wanderer und andere an. Heinrich Kleyer, Fahrradhersteller in Frankfurt/M, setzte auf den Mobilitätsbedarf seiner Zeitgenossen und eröffnete 1890 ein neues Fabrikgelände. Das war von beeindruckender Größe, viel zu groß für Fahrräder eigentlich. Doch im Reich herrschte Gründerstimmung, überall entstanden gewaltige Fabriken, die ihre Kapazitäten bald ausschöpfen würden. Kleyer musste nicht lange warten, bis sein Werk in voller Auslastung lief. Das lag zum einen an Schreibmaschinen, die er ab 1896 herstellte, zum anderen an Motorfahrzeugen. Nach Experimenten mit motorisierten Zwei – und Dreirädern war 1900 das erste Automobil von Adler fertig.

Ein fortschrittliches Auto

Das Auto war recht fortschrittlich ausgelegt: Der Motor saß vorn und übertrug seine Leistung per Dreigang-Schaltgetriebe und Kardanwelle an ein Differential auf der Hinterachse. 1902 trat der junge Edmund Rumpler ins Unternehmen ein. Der Mann würde sich zu einem der brillantesten Köpfe des deutschen Automobilbaus entwickeln und seiner Zeit immer voraus bleiben. So ließ er schon 1903 die Pendel-Schwingachse patentieren, mit der man die Räder einer angetriebenen Hinterachse einzeln aufhängen kann. Leider ließ sich diese Achse nicht verwirklichen, es gab noch keine Werkstoffe in der benötigten Güte. Der erste Serien-Adler mit Pendelachse war erst 1937 das Modell 2,5 Liter “Autobahn”; Daimler-Benz nutzte diese Bauart bis in die Siebziger Jahre, zuletzt in der S-Klassen-Baureihe W108 .

Ingenieur Rumpler verließ Frankfurt 1905, sein Nachfolger Adam Paul brachte die Automobilgeschichte auf weniger visionäre, aber nachhaltigere Weise weiter, indem er nämlich Motor und Schaltgetriebe verblockte, das Getriebe also an den Motor flanschte, und die Druckumlaufschmierung mittels Ölpumpe einführte. Mit beiden Ideen nahm er Standards vorweg, die sich erst nach dem ersten Weltkrieg durchsetzten. Auch die Geschäftsleitung hatte eine gute Idee: Als erster deutscher Hersteller widmete man sich spezifisch dem Taxigewerbe, weshalb Motordroschken bald vornehmlich aus Frankfurt kamen. Das trug zweifellos dazu bei, dass im Sommer 1914 von den 55.000 im Reich registrierten Autos jedes fünfte ein Adler war.Daran änderte sich auch in den Jahren zwischen den Kriegen nur wenig – Adler hielt stets den dritten oder vierten Platz in der Liste deutscher Autohersteller. Möglicherweise half es dem Absatz, dass Adler neben fortschrittlichen Autos stets konservative Konstruktionen anbot. Letztere sind heute so gut wie vergessen, während die innovativen Modelle eine direkte Brücke in die Zukunft schlugen. Mit dem Trumpf etwa hätte Adler beinahe die Lorbeeren für den ersten deutschen Frontantriebswagen in Volumenproduktion eingeheimst – wäre DKW mit dem F1 im Februar 1931 nicht 13 Monate früher in Produktion gegangen.

Spektakuläre Fehlentscheidung

Als vitales Unternehmen gliederte Adler sich bald in die Rüstungsproduktion ein und baute unter anderem Kübelwagen für die Wehrmacht. Entsprechend heftig wurde das Werk von alliierten Bomben getroffen. Dennoch bereiteten Adler-Mitarbeiter schon in den ersten Friedensmonaten die Aufnahme einer Produktion ziviler Automobile vor – wurden jedoch 1948 von Direktor Hagemeier nach dessen Rückkehr aus der Internierung gestoppt. Der Mann sah die Zukunft der Adlerwerke in Schreib – und Werkzeugmaschinen und verspielte damit ohne Not eine gut etablierte, lebenskräftige Marke – eine der spektakulärsten Fehlentscheidungen der Automobilgeschichte. Tatsächlich hätte Adler wahrscheinlich eine deutlich bessere Ausgangsposition auf dem Nachkriegsmarkt gehabt als sie etwa Borgward hatte – aber alle Spekulation ist so sinnlos wie traurig.

Die besten Autos von Adler zeugen von einer einst starken Marke: Der 2,5 Liter “Autobahnadler” vermag das Publikum auf Oldtimertreffen heute genauso zu elektrisieren wie bei seinem Debüt 1937; Trumpf und Trumpf Junior zählen zu den flottesten Vorkriegswagen. Adler-Schreibmaschinen übrigens überlebten, ihre Nachfolger kann man heute als Bürodrucker von Triumph-Adler kaufen. Das Firmengelände im Frankfurter Gallusviertel beherbergt, inzwischen perfekt saniert, Werbeagenturen und Eventbühnen. Adler-Logo reproduziert mit freundlicher Genehmigung des Adler-Motor-Veteranen-Clubs

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